Die gefährlichsten Doppelgänger von Zauberpilzen sind kleine braune Pilze mit drei Giftgruppen: Amatoxine im Gift-Häubling und in Pholiotina rugosa, Muskarin in den meisten Risspilzen und Orellanin in Rauköpfen wie dem Spitzgebuckelten Raukopf. Amatoxine und Orellanin wirken erst nach Stunden oder Tagen, wenn Leber oder Nieren bereits geschädigt sind.
Keiner dieser Pilze sieht für Laien auffällig giftig aus. Sie wachsen auf Mulch, in Gartenbeeten, an Wegrändern und im Moos, oft wenige Meter von den Fundorten entfernt, an denen Kahlköpfe gesucht werden.
Gift-Häubling: Amatoxine auf Holz und Mulch
Der Gift-Häubling (Galerina marginata) hat einen dünnfleischigen, honig- bis ockerbraunen Hut von bis zu 4 cm. Er wächst auf totem Holz, im Bergland oft auf stark zersetztem Nadelholz, in tieferen Lagen ebenso häufig auf Laubholz, außerdem auf Rindenmulch. Hauptsaison ist August bis Oktober. Das wichtigste Merkmal ist der Stiel: silbrig längsfaserig, mit einer faserigen Zone um den Ringbereich. Das Sporenpulver ist hellbraun bis rostbraun12.
Er enthält Amatoxine, dieselbe Giftgruppe wie der Grüne Knollenblätterpilz. Gemessen wurden 78 bis 244 µg pro Gramm Frischgewicht2. Die ersten Beschwerden, Erbrechen und Durchfall, beginnen nach etwa 5 bis 12 Stunden; dann hat das Gift die Leber bereits angegriffen1. Englischsprachige Quellen berichten von Vergiftungen, bei denen Sammler ihn für einen psilocybinhaltigen Kahlkopf hielten2, und der Blauende Kahlkopf kann direkt neben ihm wachsen3.
Das Giftinformationszentrum Bonn schreibt, dass selbst geprüfte Pilzsachverständige das ähnliche Stockschwämmchen wegen der Verwechslungsgefahr meiden4. Wenn Fachleute bei einem Speisepilz so vorsichtig sind, ist ein Kahlkopf vom Mulchbeet kein Fall für eine Bestimmung nach Foto.
Pholiotina rugosa: Amatoxine im Gartenbeet
Pholiotina rugosa, früher Conocybe filaris, ist noch kleiner: Hut unter 3 cm, Stiel etwa 2 mm dick, mit einem deutlichen, beweglichen Ring. Sie wächst in Holzhäcksel, Blumenbeeten und auf Komposthaufen; das Sporenpulver ist braun bis rotbraun. Die Fruchtkörper enthalten Alpha-Amanitin, ein Amatoxin5. In der Übersicht der Pilzvergiftungen wird sie zusammen mit Knollenblätterpilzen, Häublingen und Schirmlingen unter den amatoxinhaltigen Gattungen geführt6.
Risspilze: Muskarin am Wegrand
Risspilze (Inocybe) haben meist einen kegeligen bis gebuckelten Hut, der radial faserig ist und oft einreißt; das Sporenpulver ist braun. Die meisten Arten enthalten Muskarin, einige wenige Psilocybin, und die Verwechslungsgefahr zwischen ihnen gilt als äußerst hoch7.
Ein häufiges Beispiel ist der Erdblättrige Risspilz (Inocybe geophylla): Hut 1 bis 4 cm, weiß bis cremefarben und seidig-faserig, mit ausgeprägtem Buckel, Sporenpulver ockerbraun. Er wächst von Juni bis November an grasigen Stellen neben Wegen und Bächen unter Laub- und Nadelbäumen. Nach 15 bis 30 Minuten setzen starker Speichelfluss, Schwitzen und Tränenfluss ein, bei größeren Mengen auch Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall, Sehstörungen und Atemnot8. Schwere Muskarinvergiftungen können bis zu 24 Stunden dauern und lebensbedrohlich werden9.
Spitzgebuckelter Raukopf: Orellanin im Fichtenwald
Der Spitzgebuckelte Raukopf (Cortinarius rubellus) hat einen rost- bis fuchsig-orangen Hut von 3 bis 8 cm mit spitzem Buckel und einen keuligen Stiel, oft mit goldgelben Gürteln. Er wächst von August bis Oktober auf sauren, feuchten Böden mit Torfmoos, meist unter Fichten; das Sporenpulver ist rostbraun. Sein Gift Orellanin führt zu einer langsamen Vergiftung, die oft im Nierenversagen endet10.
1996 veröffentlichten Ärzte der Universität Wien einen Fall unter dem Titel Magic mushrooms: hope for a 'cheap high' resulting in end-stage renal failure: Eine Person hatte auf einen billigen Rausch durch Zauberpilze gehofft, einen orellaninhaltigen Raukopf gegessen und ein dauerhaftes Nierenversagen erlitten11.
Warum die Wartezeit so gefährlich ist
Das Psilocybin-Syndrom beginnt laut Deutscher Gesellschaft für Mykologie nach 15 Minuten bis 4 Stunden, Muskarin wirkt ähnlich schnell. Amatoxine und Orellanin dagegen zeigen sich erst später12:
| Vergiftungsbild | Gift | Zeit bis zu ersten Beschwerden |
|---|---|---|
| Psilocybin-Syndrom | Psilocybin, Psilocin | 15 Minuten bis 4 Stunden |
| Muskarin-Syndrom | Muskarin | 15 Minuten bis 2 Stunden |
| Phalloides-Syndrom | Amatoxine | meist 8 bis 12 Stunden, Spanne 4 bis 36 Stunden |
| Orellanus-Syndrom | Orellanin | Tage, bis etwa 3 Wochen |
Wer nach einer Pilzmahlzeit zuerst die erwartete Wirkung spürt, kann deshalb trotzdem einen Giftpilz dabeigehabt haben. Auch eine kurze Wartezeit schließt laut der Deutschen Gesellschaft für Mykologie eine schwere Vergiftung durch eine später wirkende Art nicht aus12. Bei Amatoxinen gibt es zudem eine scheinbare Besserung am zweiten und dritten Tag, während die Leberschädigung weiterläuft6.
Was im Ernstfall zu tun ist, steht unter Notfall. Wie Fachleute Pilze überhaupt sicher bestimmen, unter Sicher bestimmen.
Quellen
- Wikipedia: Gift-Häubling
- Wikipedia (englisch): Galerina marginata, Abschnitte Toxizität und ähnliche Arten
- Wikipedia (englisch): Psilocybe cyanescens, Abschnitt ähnliche Arten
- Giftinformationszentrale Bonn: Nadelholzhäubling
- Wikipedia (englisch): Pholiotina rugosa
- Wikipedia: Pilzvergiftung, Phalloides-Syndrom
- Wikipedia: Risspilze
- Wikipedia: Erdblättriger Risspilz
- Wikipedia: Pilzvergiftung, Muskarin-Syndrom
- Wikipedia: Spitzgebuckelter Raukopf
- Franz, M. u. a. (1996): Magic mushrooms: hope for a 'cheap high' resulting in end-stage renal failure, Nephrology Dialysis Transplantation 11(11)
- Deutsche Gesellschaft für Mykologie: Beschreibung, Symptome und Karenzzeiten
